Erinnerung an früher (03/2008)

Hätte niemand gedacht, daß der Streik so lange dauern würde. Angefangen hatte alles mit einem Warnstreik im Februar 2008, als Busse und Bahnen für ein paar Tage stillstanden. Die Berliner nahmen diese Arbeitsniederlegung als willkommene Abwechselung des gewohnten öffentlichen Nahverkehrs wahr. Endlich mal anders zur Arbeit kommen, lautete für viele die Devise. Manche entstaubten das Fahrrad oder standen zwei Stunden früher auf, um zu Fuß ihr Ziel zu erreichen.

Im März begann dann der richtige, der unbefristete Streik. Nach einer Woche ungewohnten Reisens bekamen viele Berliner aber Entzugserscheinungen, andere waren schon nach den ersten Tagen genervt.

Alle hofften, daß sich die Gewerkschaft ver.di und der Arbeitgeber BVG bzw. der Senat auf eine Lösung einigten, aber keiner konnte ahnen, wie zäh die Auseinandersetzungen verlaufen würden. Im Juli 2008 kam erst Bewegung in die Verhandlungen. Die Berliner hatten zu diesem Zeitpunkt schon gut vier Monate auf U-Bahnen und Straßenbahnen verzichten müssen und der eine und andere Hauptstädter versicherte, nicht mehr zu wissen, wie das mit dem U-Bahnfahren überhaupt gehe.

Die Berliner Tourismus-Werbung hatte zu diesem Zeitpunkt die Misere längst erkannt und ihr Marketing soweit abgeändert, daß von einem „teilweise intakten öffentlichen Nahverkehr“ gesprochen wurde, der, so hieß es weiter, „kreativen Spielraum bei der Bewältigung von Strecken ermögliche“, was „so gesehen keine internationale Metropole bieten könne.“

Der Arbeitgeber war plötzlich bereit, die geforderten 12 Prozent mehr Lohn zu zahlen, doch ver.di wollte mit einem Mal noch zwei Zuschläge, nämlich Sitzkissen für alle Fahrer sowie WLAN-Zugang in allen Straßenbahnen. Die BVG reagierte empört, brach die Verhandlungen ab und ist bis heute nicht an den Verhandlungstisch zurückgekehrt.

Wir schreiben das Jahr 2014. Fahren mit der U-Bahn ist nur noch eine Erinnerung. Eltern erzählen ihren Kleinkindern als Gute Nacht Geschichten davon, wie das früher war, wenn man die Treppen rauf – oder runterstieg, auf die Zeittafeln blickte, erfreut war, weil die nächste gleich kam oder sich ärgerte, weil man die U-Bahn gerade verpaßt hatte. Weiterlesen