Das Böse ist zurückgekehrt …

Robert Rescue -periplaneta

Das Böse ist zurückgekehrt, fasste sie die Ereignisse zusammen. Die Inquisition schlägt die blutgetränkten Akten wieder auf und schürt die Scheiterhaufen. Ein Wiedergänger der Inquisitoren ist unter uns und all die Perversionen von Anklage, Prozess und Folter werden sich wiederholen. Wenn er seine mörderische Mission in die Öffentlichkeit trägt, werden sich die Menschen seiner blutrünstigen Ideologie zuwenden. Die angeblich so aufgeklärten Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts würden wieder an das bösartige Wirken von zaubernden, böswilligen Frauen glauben, die Brunnen vergifteten, Unwetter hervorriefen und Haus und Hof ins Elend hexten.
Das natürlich in einer modernen Variante – globale Naturkatastrophen beschwören, Computersysteme zum Absturz bringen und Epidemien verbreiten. Der Hexenmörder, der Inquisitor, würde bald dazu aufrufen, diesen vermeintlichen Taten ein Ende zu setzen.
(Aus: Robert Rescue „Der Intimitätendieb“)

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Sie sprach andauernd mit sich selbst …

Robert Rescue - Der Intimitätendieb -

Sie sprach andauernd mit sich selbst, und das mitunter laut. In Berlin galt das eigentlich nicht als absonderlich. Aber das, was die Hexe ständig auf Polnisch daherredete, verwirrte selbst Sprachkundige. Sie sagte immer wieder die Namen ihrer Vorfahren auf und berichtete dazwischen in zwei, drei Sätzen, wann sie gelebt und wen sie alles verflucht hatten. Nur im direkten Kontakt mit einem möglichen Opfer unterbrach sie ihre Litanei, um in holprigem Deutsch etwas zu erschnorren. Wurde der Hexe nichts gegeben, so konnte das schlimme Folgen haben. Sie versuchte dann, die Person zu berühren, an den Armen, an den Schultern oder im Gesicht und murmelte dann etwas Grauenvolles. Dem davoneilenden Geschäftsmann oder einer kichernden Horde Teenager mitgegebene Verwünschungen konnten zu tagelangen Schmerzen führen, zu Pickeln, Geschwüren oder auch Herzbeschwerden.
(Aus: Robert Rescue „Der Intimitätendieb“)

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… Manfred Barbe beschäftigte sich die meiste Zeit …

Robert Rescue - periplaneta berlin

… Manfred Barbe beschäftigte sich die meiste Zeit mit einer Art Wissenschaft, die er „Alternative Geschichtsdarstellung“ nannte. Dabei handelte es sich um die Erforschung von historischen Ereignissen in Berlin, die keine öffentliche Beachtung erfahren hatten.  Wurde Barbe auf ein solches Ereignis aufmerksam, so zückte er am Ort des Geschehens eine Spraydose, um eine überdimensionale Botschaft zu hinterlassen. Darin ähnelte er dem sogenannten „Sechsenmaler“, der an Hauswänden, an den Rückseiten von Verkehrsschildern, alten, auf Bürgersteigen stehenden Kühlschränken und Möbeln Sechsen und gelegentlich auch eine Sieben aufmalte. Bei diesem handelte es sich lediglich um Kunst, bei Barbe hingegen mussten seine gesprühten Sätze historisch einwandfrei sein. Wie beispielsweise die Aussage über einem Pissoir im Berliner Ensemble: „Hier hat schon Bertold Brecht uriniert“, oder als er eines Nachts auf eine Landebahn des Flughafens Tegel in großer Schrift gesprayt hatte: „Hier sind folgende große Politiker gelandet: …“ dazu hatte er die Namen von insgesamt zwölf Staatsmännern aufgesprüht, bevor er entdeckt wurde und fliehen musste.
(Aus: Robert Rescue „Der Intimitätendieb“)

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Die Wandlung der Örtlichkeiten

Als ich den Roman »Der Intimitätendieb« vor 16 Jahren begann, habe ich verschiedene Orte, zu denen ich damals mehr oder weniger einen Bezug hatte, in die Handlung eingebaut. Wann immer ich in den letzten Jahren an dem Manuskript arbeitete, musste ich erkennen, dass ich die Bezüge fast vollständig verloren habe. Meine Erinnerung ist teilweise verblasst und meine Wahrnehmung hat sich verändert, so dass vor der Veröffentlichung eine Überprüfung anstand, ob ich mit diesen Örtlichkeiten überhaupt noch etwas anfangen kann.

preussenparkEin Beispiel dafür ist der Park, in dem sich Hakim, der Intimitätendieb und sein Kunde und Schuldner Wladimir treffen, eine Begegnung, dessen Verlauf das weitere Handeln des Intimitätendiebes maßgeblich beeinflussen wird. Irgendwann vor zehn Jahren, als ich diese Szene schrieb, kam ich aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen auf die Idee, diese Szene im Preußenpark in Wilmersdorf spielen zu lassen. Problematisch war nur, dass ich bis dahin und bis heute noch nie im Preußenpark gewesen bin. Jahrelang grübelte ich darüber, warum ich mich für diesen Park entschieden hatte. Hatte mir jemand davon erzählt und gemeint, dass er toll sei und ich ihn mal besuchen sollte? Habe ich das nicht geschafft und den unbewussten Frust darüber dadurch verarbeitet, dass ich diesen Ort für den Roman gewählt habe? Als ich 2011 wieder einmal am Manuskript arbeitete, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich googelte den Preußenpark und schaute mir ein paar Bilder an, um sie als Ortsbeschreibung einzufügen. Eine moderne Form der Recherche, dank Google, doch irgendwie nicht lebensecht. Ich musste also dorthin fahren, durch den Park schlendern und das Gesehene auf mich einwirken lassen. Dazu aber fehlte mir die Lust. Also entschied ich mich dafür, den Schauplatz zu verlagern. Seit ein paar Jahren lebte ich im Wedding und kannte einen Park recht gut – den Schillerpark. Ich schmiss also alle Beschreibungen des Preußenparks raus und ersetzte sie durch den Schillerpark. Der Intimitätendieb betritt den Park am Eingang, der am Friedhof liegt. Er zögert, weil er sich bewusst ist, was sein Vorhaben für Konsequenzen nach sich ziehen wird. Er geht in sich, ermutigt sich und steuert die erste Bank an der linken Seite an, wo er sich mit Wladimir verabredet hat. Drei Kumpels von Wladimir stehen auf und entfernen sich ein Stück. Kurz darauf beginnt ein Gespräch:

„Ich bekomme immer etwas Schiss, wenn du anrufst. Dann muss ich daran denken, was ich dir noch schulde. Um was geht es diesmal, mein Freund?“
„Warst du schon bei dem Dönerproduzenten und hast ihm das Material gezeigt, das ich dir neulich in der temporären Kneipe gegeben habe?“, fragte Hakim zurück.
„O ja, das habe ich. Er überlegt noch, aber er wird keine Wahl haben. Dann bin ich wieder gut im Geschäft.“
„Aber nicht gut genug, um deine Schulden zu begleichen.“
„Ach, Hakim, das Schlimme an Gesprächen mit dir ist, dass du nur an das Geschäft denkst.“
„Deswegen bin ich ja auch erfolgreich, Wladimir.“

Aber der Preußenpark war nicht die einzige Baustelle. Am Ende des Buches spielt ein herrschaftliches Anwesen am Dubrowplatz in Zehlendorf eine wichtige Rolle. Dort erfährt die junge Hexe Tasha Me, wie der Mörder den Hexen auf die Schliche kommen konnte, obwohl diese in der Anonymität leben. Sie trifft auf einen alten Mann, von Beruf Rechtsanwalt und Notar, der Oberhaupt eines einstmals mächtigen Familienclans ist. Für den Dubrowplatz gilt dasselbe wie für den Preußenpark – ich bin da noch nie gewesen. Vermutlich hat mir derselbe Mensch, der mir vom Preußenpark erzählt hat auch vom Dubrowplatz berichtet und ich habe mir gedacht, gut, ich hätte gerne ein herrschaftliches Anwesen an einem Platz in Zehlendorf, dann nimm ich doch diesen. Aber gab es dort überhaupt ein herrschaftliches Anwesen?
Ich kam auf den Gedanken, Street VIEW zu nutzen, um einen besseren Einblick zu bekommen. Kurz darauf bewegte ich mich virtuell am Dubrowplatz und fand tatsächlich ein herrschaftliches Anwesen, das meinen Vorstellungen entsprach. Den dazugehörigen Carport ließ ich in die Beschreibung einfließen, um beim Leser den Eindruck zu erwecken, ich würde mich dort auskennen, doch eine Bearbeitung später schmiss ich die Stelle wieder heraus, weil sie überflüssig war.
Doch mir kamen Zweifel, ob ich mich so einfach aus der Affäre ziehen konnte. Von einem Romanautor erwartete man doch, dass er alles Beschriebene gesehen oder erlebt hat. Das wurde aber schwierig bei einem fantastischen Krimi, in dem es keinen Ich-Erzähler gibt. Zudem gab es ja noch die Ausrede der »künstlerischen Freiheit«. Der Platz ist nicht erfunden, das Anwesen auch nicht und das ich nie dort gewesen bin, merkt doch ohnehin keiner. Trotzdem, das schlechte Gewissen belastete mich. Zwei Tage vor Abgabe des Manuskriptes fuhr ich zum S-Bahnhof Mexikoplatz.
Ich lief die Dubrowstraße entlang, bis ich zum Platz gelangte. Dort schlenderte ich um den viereckigen Platz und bestaunte all die Villen.
Vor dem Haus, das ich im Buch beschrieben habe, blieb ich einen Moment stehen und stellte mir vor, dass mich in diesem Augenblick die Bewohner aus dem Fenster heraus angafften und sich fragten, was der Fremde hier zu suchen hat. Ich winkte in Richtung des Hauses, trat den Heimweg an und redete mir den ereignislosen Ausflug schön, dass ich mein schlechtes Gewissen beruhigt hatte.

Ein anderes Problem bereitete mir die Winsstraße im Prenzlauer Berg. Angesichts meiner heutigen Wahrnehmung, vor allem meiner Hassliebe zum Wedding, sollte ich von der Winsstraße Abstand nehmen und die Handlung in eine Weddinger Straße verlegen, am besten in eine, von der ich sicher sein kann, dass sich dort seit zwanzig Jahren nichts verändert hat. Ich tue es aber nicht und das hat sentimentale Gründe.
Würde ich das Buch heute beginnen, lägen vermutlich alle Örtlichkeiten im Wedding, schlimmstenfalls würde das Buch nur in meiner Wohnung spielen. In der Winsstraße hielt ich mich Ende der Neunziger Jahre oft auf. Der Roman beginnt im Schlafzimmer einer sanierten Wohnung, und zwar am Donnerstag, 12. August 1999. Nun meine ich mich zu erinnern, das Ende der Neunziger Jahre noch nicht viele Häuser in der Winsstraße saniert waren, vielleicht nur eins oder vier, vielleicht aber auch gar keins. Im Zuge der Fertigstellung des Romans fragte ich auf Facebook danach, doch die Ergebnisse waren mau. Eigentlich äußerte sich nur einer und der meinte, die nahegelegene Marienburger Straße sei noch unsaniert gewesen, aber ob das auch für die Winsstraße gelte, daran könne er sich nicht mehr erinnern. Für die Handlung ist es nicht gleichgültig, ob saniert oder nicht, und ich wäre froh drum, in dieser Angelegenheit Klarheit zu haben. Ich habe mal von Projekten gehört, wo Leute über Jahre hinweg einmal im Jahr ein Foto von der Straße, in der sie leben, aufnehmen und auf diese Weise eine Dokumentation anlegen, wie sich ihr Kiez, gerade in Zeiten der Gentrifizierung, verändert. Warum zum Teufel hat das niemand in der Winsstraße gemacht und das ganze unter http://www.meinewinsstraße.de ins Netz gestellt?

Von all diesen Überlegungen ist nur ein Ort verschont geblieben. Die Kneipe, in der Hakim die gestohlenen Intimitäten an seine Kundschaft verkauft. Die temporäre Kneipe ist einfach überall und sie ist zeitlos.
Zum Schluss eine Art Wegbeschreibung. Ehrlich gesagt, ich bin ihr noch nicht gefolgt, wahrscheinlich aus Furcht, dass sie stimmt und ich dann Hakim und all die anderen sonderbaren Besucher dieses Ortes kennenlerne.
Die wichtigste Voraussetzung, um die temporäre Kneipe betreten zu können, ist die Vorstellung, sie betreten zu können. Man muss also wissen, dass es sie gibt oder zumindest daran glauben. Das Letztere erledigt sich, wenn man einmal dort gewesen ist.
Man muss nur davon überzeugt sein, dass, wenn man irgendeine beliebige Kneipe betritt, diese die temporäre ist. Das erste Mal betritt man sie, wenn man vor irgendeinem Laden steht und diesen vom Äußeren her als unangenehm empfindet, ihn gar nicht betreten will und es aus irgendwelchen Gründen dann doch tut. Die temporäre Kneipe ist überall und nirgends. Ihr Standort ist so vage, dass weder Verkäufer von Rosen noch von pfeifenden oder blinkenden Plastikfeuerzeugen hereinkommen. Da diese allerdings in Berlin allgegenwärtig sind, liegt die Vermutung nahe, den Standort der temporären Kneipe im Ausland, auf dem Jupitermond Io oder in einem Paralleluniversum zu vermuten.