Der Wedding hat einen Knall

Ja, es ist schon sonderbar, was die B.Z, das Pflichtblatt für Leser mit Interesse an vielen Bildern und wenig Text, da exklusiv an die Öffentlichkeit gebracht hat. An der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Wedding, genauer gesagt im Kiez rund um die Bornholmer Brücke, ist seit Monaten nachts ein Geräusch zu hören und niemand kann sagen, woher es stammt. Die Anwohner sagen, es klänge wie ein tiefes Grollen oder wie der Knall einer Explosion.
Die B.Z. lässt sich nicht lumpen und bestellt einen Toningenieur ein, der mit einer riesigen High-Tech-Akustik-Kamera das Areal scannt. Und tatsächlich hören Ingenieur und Reporter um 22:57 Uhr ein dumpfes Grollen, dessen visuelle Umsetzung auf dem Monitor der Reporter vor laufender Kamera als »ballförmiges Ding in verschiedenen Farben« beschreibt. Die erste Vermutung des Toningenieurs weist auf eine unterirdische Detonation hin.

Natürlich versucht die B.Z., eine technische Ursache für das Geräusch zu finden und fragt die umliegenden Wirtschaftsbetriebe, ob sie verantwortlich sein könnten. Die BVG erklärt, sie habe ihre Schienen in dem Gebiet untersucht und keine Auffälligkeit finden können. Eine Sprecherin von Bayer erklärt: »Wir sind allen Möglichkeiten einer Geräuschquelle auf unserem Werkgelände nachgegangen. Wir konnten allerdings keinerlei Zusammenhang feststellen.«
Können sie auch nicht, denn das Werksgelände liegt an der Müllerstraße, also ein ganzes Stück vom Kiez rund um die Bornholmer Brücke entfernt. Es müsste sich um eine gewaltige Explosion auf dem Werksgelände handeln, wenn man sie an der Grenze vom Wedding und Prenzlauer Berg noch hören könnte. Und das jede Nacht seit Monaten.
Selbstverständlich fragt die B.Z. auch bei den Bezirksämtern von Mitte und Pankow, doch »keiner der Politiker will den Knall kennen«, wie die B.Z. ihre Leser wissen lässt und insgeheim noch eine Art Inkompetenz zuweist.
Also versucht es die Zeitung bei den Anwohnern, die seit Monaten unter den mysteriösen Umständen zu leiden haben. Die Besitzerin von »Benji‘s Hundesalon« berichtet: »Es hört sich an wie eine Explosion. Als würden Gullydeckel oder Geldtresore gesprengt …«
Aha, das klingt im ersten Moment plausibel. In Berlin werden häufig Geldautomaten geraubt und womöglich unterhalten die Diebe in einem Keller eine Art Sprengstation, um an das Geld heranzukommen. Aber gegen diese Theorie spricht die Häufigkeit des seltsamen Knalls. So viele Geldautomaten werden nun auch wieder nicht geraubt, dass anzunehmen wäre, dass jeden Abend um 23 Uhr einer gesprengt wird.
Ein junger serbischer Dachdecker erklärt: »Das ist lauter als ein Böller, macht ‘Bäng‘. Mein Vater hört es auch. Er zieht in den nächsten Tag weg von hier, weil es ihm zu laut hier ist und der Knall ihn stört. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist lauter als ein Böller.«
Ein Böller klingt da schon naheliegender. Verwunderlich ist aber der Hinweis auf den Vater. Ist es dem generell zu laut im Kiez, dass er wegziehen will oder macht er das nur an dem sonderbaren Knall fest? Der Berliner Wohnungsmarkt ist eng und wegen eines böllerartigen Geräusches umziehen zu wollen und eventuell eine höhere Miete in Kauf zu nehmen, klingt nicht vernünftig. Entspannter sieht das eine Angestellte im öffentlichen Dienst: »Anfangs fand ich den Knall komisch, aber ich habe mich daran gewöhnt. Es hört sich an, wie ein Böller. Ich glaube, die Ursache ist etwa 500 Meter von hier entfernt. Ich habe mal neben einem Wärmekraftwerk gewohnt, das hat sich genauso angehört.«
Schon wieder die Böllertheorie. Die These unterstützt auch eine junge Mutter: »Ich wohne unweit der Stettiner Straße in Wedding und glaube, es sind Böller, die in einem geschlossenen Raum gezündet werden. Vielleicht in einen Hinterhof geworfen werden. Vielleicht von irgendwelchen Jugendlichen.«
Gegen die Böller-Theorie spricht der Umstand, dass sich niemand im Wedding zu Silvester so viele Knaller leisten kann, dass er Mitte März noch genug hat, um jeden Abend einen davon zu zünden. Ohnehin, einen pro Abend und immer exakt um 23 Uhr, das spricht für Langeweile oder Wahnsinn.
Die wohl einfallsreichste Erklärung liefert eine Schuhdesignerin: »Ich frage mich schon lange, was das ist. Ob es Soldaten sind, die hier üben oder nächtliche Polizeiübungen, wer weiß. Mich ärgert der Knall jedenfalls unheimlich. Mein Hund Gustav kriegt immer Todesangst und will weglaufen.«
Nächtliche Manöver von Polizeikräften oder gar Soldaten in Hinterhöfen oder unterirdischen Bunkern. Vielleicht eine Nachfolgeorganisation der NATO Geheimarmee Gladio, die nachts den Guerillakampf gegen den Russen übt und tagsüber in den anliegenden Hochhäusern an der Behmstraße Tarnexistenzen als Dönerverkäufer, Hartz IV Empfänger und Angestellte im öffentlichen Dienst leben? Oder weist der Hinweis des Toningenieurs auf Tunnelsprengungen durch Spezialkommandos der russischen Streitkräfte hin, die sich, von der Krim kommend, nach Berlin durchgesprengt haben, um die Freiheit der in Berlin geknechteten Russen zu verteidigen? Man weiß es nicht, aber wäre dies der Fall, so wäre es nicht nur eine Schlagzeile für die B.Z.

Womöglich handelt es sich um die hörbaren Spuren einer unsichtbaren Raum-Zeit-Verwerfung, die sich ausgerechnet im Wedding gebildet hat. Eine Raum-Zeit-Falte, die Menschen durch Wurmlöcher oder Schwarze Löcher in andere Galaxien reisen lässt? Für die wirtschaftliche Entwicklung des Wedding eine interessante Überlegung. Womöglich wird das Tor zu anderen Galaxien bereits genutzt? Der Kiez rund um die Bornholmer Brücke als Art Bahnhof hochentwickelter Zivilisationen und wir Menschen können die Betriebsgeräusche, den Knall, in visualisierter Form nur als »ballförmiges Ding in verschiedenen Farben« beschreiben.

Das letztere sind wohl ausschweifende Überlegungen. Die Aussage, es könnte sich um unterirdische Detonationen handeln, lässt eine andere Vermutung plausibler klingen, eine Angelegenheit, die sich in größeren Zeiträumen ereignet. Die Geowissenschaften und hier die Theorie der Kontinentalverschiebung liefern seriösere Vermutungen als Böller, gesprengte Geldautomaten oder russische Spezialeinheiten. Die Weddinger Platte schiebt sich über die Prenzlberg Platte oder auch umgekehrt, je nach Sichtweise. Die Erdmassen türmen sich auf, es gibt Erdbeben, die Erde bricht auf, Lava strömt aus, die Erde formt sich zu einem Vulkan, es gibt einen Ausbruch, und irgendwann später wird es wieder Leben geben. Bis es so weit kommt, wird ein ganzes Weilchen an Zeit verstreichen, genug jedenfalls, dass die B.Z. weiter ihre Nachforschungen anstellen kann und schließlich ein Ergebnis präsentieren wird. Vermutlich, und das macht die ganze Geschichte dann reizlos, sind es doch Böller.

2 Kommentare zu “Der Wedding hat einen Knall

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