Ralle und Oever

Es gibt Dinge, die begegnen einem ständig. Menschen vor allem, zum Beispiel ein Partner oder Arbeitskollegen, aber auch Örtlichkeiten wie eine Haltestelle, ein Arbeitsort oder eine Wohnung. Mir geraten zwei bestimmte Menschen an einem bestimmten Ort jeden Tag ins Blickfeld, allerdings nicht leibhaftig, sondern in Form einer konservierten Nachricht an der Flurwand. Manchmal, wenn ich die Treppen hochsteige, denke ich, daß irgendwann ein Neutronenbombenkrieg ausbrechen wird, der die gesamte Menschheit dahinraffen, nicht aber ihre Hinterlassenschaft auslöschen wird. Tausend Jahre später wird dann eine außerirdische Expedition auf der Erde landen und die konservierte Nachricht an der Wand entdecken, in der Oever ausdrückt, daß er, wie verabredet, um 20: 15 Uhr da war, aber Ralle nicht und daß Oever sich darüber verwundert zeigt und auffordert, diesbezüglich angerufen zu werden. Der Originalwortlaut ist übrigens: „Hallo Ralle, ich war um 20:15 Uhr hier. Wo warst du? Ruf mich an, Oever.“

Interessant finde ich, daß ich davon jetzt aus einer Distanz von etwa 5 Metern schreibe, wo ich sonst direkt davor stehe und es lese. Ich lese es einerseits, weil ich die diffuse Hoffnung hege, eines Tages würde dort mal etwas anderes stehen, zum anderen überlege ich jedes Mal, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen und was sie heute so machen.

Wie lange eigentlich steht diese Nachricht schon an der Wand? Mindestens seit der Zeit, seit ich hier wohne, doch wann davor verschrieb sich Oever der modernen Höhlenmalerei? Und macht er das heute noch oder benutzt er SMS?

Gibt es viele Hausflure, in denen sich Oever beinahe verewigt hat oder erblicke ich tatsächlich den einzigen Original-Oever, ein Meisterstück Berliner Verabredungshistorie?

Seit den Achtziger Jahren war es in Ostberlin üblich gewesen, an der Tür eine Box mit Zetteln oder eine Rolle mit Abreißblättern zu befestigen, damit jemand wie Oever ganz devot eine klitzekleine Nachricht hätte hinterlassen können. Mal angenommen, Ralle hatte so einen Zettelkasten, warum hat dann Oever, dieser Arsch, die halbe Wand mit seinem wehleidigen „Du hast mich versetzt“ Gejammer vollgekritzelt?

War Oever seinerzeit so verärgert gewesen, daß er sich gedacht hat: „Okay Ralle, das du die Verabredung hast platzen lassen, sollst du nie vergessen, außer du malerst die Wand neu oder ziehst um.“

Wenn es so gewesen ist, dann kann ich nur sagen: Danke, Oever, danke.

Und was ist mit Ralle?

Warum war er an dem Abend nicht da gewesen? Wollte er sich nicht mit Oever treffen? War Ralle damals der abgefahrenste Typ von Berlin und hatte sich Oever, häßlich wie die Nacht, so interessant wie ein Radiergummi, an ihn herangeschmissen und einen Termin gemacht, den Ralle dann nachträglich auf keinen Fall einhalten wollte? Was bedeutete der Name „Ralle“ überhaupt? Stand er für „Ralf Leopold“ oder hieß Ralle schon immer Ralle oder kam er aus einem Ausland, wo man häufig so hieß? Und Oever? War das einfach nur der nackte Nachname? Fanden alle Oever so doof, daß sie ihn nur beim Nachnamen riefen?

Fragen über Fragen, die ich mir nicht seit gestern stelle, sondern schon seit Jahren. Ralle und Oever waren so präsent in meinem Leben wie keine anderen Menschen.

Einmal war ich nachts betrunken nach Hause gekommen und las wie so oft die Botschaft von Oever an Ralle, als ich einen Moment lang glaubte, ich sei Ralle und auch gleich dachte: „O Shit, ich habe Oever ganz vergessen.“ Dann aber vergewisserte ich mich, daß ich weder Ralle, der Oever nicht treffen wollte, noch Oever war, der Ralle treffen wollte und fühlte mich erleichtert. Doch dieses Erlebnis brachte mich zu dem Entschluß, die Wandmalerei überpinseln zu lassen, um endlich diese Quälgeister los zu werden. Ich rief bei der Hausverwaltung an, doch die lehnte mein Ansinnen ab mit einem „Ach, und dann sollen wir am Besten noch das ganze Haus streichen, oder wie?“ und als ich darauf antwortete: „Das wäre nicht schlecht.“, da legte die freundliche Frau einfach auf. Das bedeutete, ich mußte weiterhin mit Ralle und Oever auskommen oder selbst Hand anlegen. Dann aber würde ich immer auf eine viereckige Farbschicht schauen und wissen, daß dahinter Oever Ralle daran erinnert hatte … ach, lasse ich das einfach.

Eine Zeitlang versuchte ich, wann immer ich meine Etage erreichte, die Augen zu schließen, doch dann lief ich stets gegen meine Wohnungstür.

Letztendlich besorgte ich mir einige Eimer Farbe und strich von unten ab der Haustür bis hoch zu meiner Etage die Flurwände neu. Aus Gefälligkeit gegenüber meiner weiter oben wohnenden Nachbarn hätte ich ja den ganzen Hausflur streichen können, aber meine Nachbarn waren mir allesamt egal.

Kurz hatte ich den Gedanken, daß Oever vielleicht noch jemand anderen in diesem Haus besucht und nicht angetroffen hatte, aber das wollte ich einerseits nicht näher herausfinden und andererseits, sollten sich doch die oben wohnenden mit einer weiteren Wandmalerei von Oever herumschlagen.

Ich hatte das Haus bislang auch nie weiter betreten als bis zu meiner Etage. Einen Moment lang keimte in mir der Verdacht, daß Oever womöglich im Haus wohnte, aber wie gesagt, höher als bis zu meiner Etage erstieg ich die Treppen nie.

Nachtrag:

Später bin ich dann in den Wedding gezogen. Neben meiner Wohnungstür befindet sich eine Gipskartonverkleidung, die leider Gottes als Pinwand für Nachrichten aller Art verwendbar ist. Mein BRAUSEBOYS-Kollege Nils Heinrich hat dort mal in einem Anflug von Verewigungs- und zugleich Mitteilungsbedürfnis folgendes vermerkt:

„Hallo Robert, ich konnte die Tapete nicht kleben, Leim war zu alt.“

Das ist aber noch nicht alles. Weiter oben findet sich eine Nachricht aus dem Jahr 2002:

Mensch Kuppe,
Wo biste denn?
Ich steh hier wie ein Depp.
Melde dich mal bei mir.
Gruß, Pockel

Wenn dieser Pockel, der vielleicht früher Oever genannt wurde, diesen Text irgendwann mal hören oder lesen wird, so möchte ich ihm folgendes mitteilen:

Du standest nicht nur wie ein Depp vor der Tür, du bist auch einer.

Robert Rescue

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s